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Zwischentöne - Kammermusikfestival Engelberg

Herz, Liebe und Musik und ihre Zwischentöne

«Affairs of the heart» lautet, mehrdeutig und anspruchsvoll wie stets, der Titel des Programms des diesjährigen Engelberger Kammermusikfestivals. Damit sind unweigerlich drei Themen aufgerufen: Herz, Liebe und Musik. Diese Begriffe sind eng miteinander verwoben, so unser aller spontanes Empfinden. Doch jenen, die über die Programmgestaltung nachgedacht haben, liegt es an den Zwischentönen. Diesen soll nachgespürt werden. Lust und Freude am unerwarteten Zusammenspiel von Vertrautem und Un-gehörtem wollen die Musikerinnen und Musiker sich selbst und dem Publikum verschaffen. In Herzens- und Liebesdingen haben wir alle unser Bündel an Erfahrungen. Hier kennen wir uns aus und es wird spannend sein zu erfahren, was die Musik, die ausdrucksmächtigste aller Künste, dazu zu sagen, besser, dazu zu singen und zu spielen hat und eben auch wie feinsinnig und zwischentonreich sie das anstellt.

Victor Hugo, ein Mann des bedeutsamen Wortes, hat es mit einem trefflichen Diktum auf den Punkt gebracht: «Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.» Für Liebesleid und Liebesfreud ist die Musik in besonderer Weise zuständig. Beides kann sie wunderbar besingen. Was das Herz, die Liebe und die Musik zu einem klingenden Netzwerk miteinander verflechten kann, darf eben nicht beschwiegen werden. Es kann durch Musik zur klingenden Sprache gebracht und somit verstanden werden.

Die Programme offenbaren die ganze Vielfalt der Beziehungen zwischen Herz, Liebe und Musik. Im ersten Programm ist vom «fühlenden Herz», im zweiten von der «Sehnsucht» die Rede. Sehnsucht nach der grossen, wahren Liebe hat Ludwig van Beethoven zeitlebens erfüllt. In Liebesdingen konnte er als Mensch aber erst recht als Komponist aufblühen. Man denke nur an seinen Fidelio, die Verherrlichung der Gattenliebe, die in strahlendem C-Dur endet. Schwärmerisch, oft unglücklich waren seine Beziehungen zu den Geliebten. Diese waren «unsterblich» und mitunter fern und unerreichbar. Dank Mozart hat er sich auch mit «Männern welche Liebe fühlen» beschäftigt. Diese Cello-Variationen klingen allerdings eher wie witzig-ironische Kommentare zu männlichen Liebes-gedanken und Liebesgefühlen.

Wir begegnen in einem weiteren Konzert zwei nur selten zu hörenden Stücken bedeutender Franzosen. Francis Poulenc hat in grosser ernster Schlichtheit, ohne jegliches falsches Pathos, Gedichte von Apollinaire vertont in denen ein armes, gebrochenes Herz die Schluchzer zu verstecken versucht.

Ein Duo für Violine und Klavier von Olivier Messiaen wird erklingen, in dem der Komponist mit inniger Leidenschaft die Liebe zu seiner ersten Frau, der Geigerin Claire Delbos besingt. Messiaen ist der Tonschöpfer, dessen Werk ohne seine beiden Lebensgefährtinnen nicht denkbar ist. Seine zweite Frau, Yvonne Loriod, hat mit ihrer Liebe zu ihm später jedes seiner Stücke, die oft von der Liebe handeln, inspiriert.

In der Geschichte der Musik kennen wir viele Beispiele von künstlerisch ungemein fruchtbaren Liebesbeziehungen. Robert Schumann hat für Clara Wieck die schönsten Liebeserklärungen auf dem Klavier verfasst. Eine eheliche Verbindung ist Johannes Brahms nie gelungen. Aber die Liebe war auch für ihn immer eine Quelle der Inspiration. Wir werden seine zweite Violinsonate hören. Sie ist ein einziger Liebesgesang. Am Thuner See in der Schweiz entstanden, in Vorfreude auf die Ankunft der Sängerin Hermine Spies und angefüllt mit Zitaten aus Liedern, die er in diesen Sommerwochen auch komponiert hat. Diese „Liebes- und Liedersonate“, wie man sie genannt hat, erklingt in einer Brahms gewidmeten Matinee. In diesem Programm wird auch die Beziehung zum Ehepaar Schumann thematisiert, die wohl nicht unkompliziert war, aber äußerst fruchtbar für das künstlerische Schaffen der Drei.

Ein wirklich sinnreiches und bewegendes Programm-Juwel ist das Requiem für einen Geliebten von György Kurtág. Wenn es um Liebe und Musik geht, dürfen György und Márta Kurtág nicht fehlen. Vor kurzem ist diese wunderbare Beziehung durch den Tod von Márta an ihr Ende gekommen. Die beiden haben sich ein Leben lang gegenseitig beseelt. Márta Kurtág, die Pianistin, hat ihrem von Skrupeln belasteten Mann, dem jede nächste zu Papier gebrachte Note unendlich viel Kraft kostete, kongenial ein ganzes Leben lang beigestanden. Wirklich Grosses ist so im Laufe der Jahrzehnte entstanden. Diese kleinen Lieder zu zauberhaften Texten, die wir hören werden, sind höchst intensive, geradezu erschreckende Miniaturen über den Verlust eines geliebten Freundes. Sie enden mit den Sätzen «Es gibt nichts zu trauern. Es gibt nichts zu hoffen». Gross ist dieses, nur wenige Minuten dauernde Requiem nicht in seiner kompositorischen Gestalt, sondern in der Dichte des musikalischen Ausdrucks.

Niemand hat Liebesglück und Liebespein, Herzenssehnsucht und Herzensmalheur schöner besungen als Franz Schubert in seinen Liedern. Dass Ian Bostridge Die schöne Müllerin vortragen wird, ist ein grosses Glück. Das Wandern ist des Müllers Lust, heisst es in diesem Zyklus. In der Winterreise stellt der Dichter Wilhelm Müller und mit ihm Schubert schon im ersten Lied das Wesen der Liebe unmissverständlich klar: «Die Liebe liebt das Wandern / Gott hat sie so gemacht / Von einem zu dem andern / Feinliebchen, gute Nacht.» Dort wandert nicht der Müller durch schöne Landschaften auf der Suche nach Liebesglück, sondern die Liebe wandert, verwirrt die Herzen und lässt viel Traurigkeit zurück. Dass dies gottgewollt sein soll, stimmt nachdenklich.

Den englisch formulierten Titel unseres Kammermusikfestes kann man auch als «Herzensangelegenheiten» verstehen. Die beiden Programmverantwortlichen Mary Ellen Woodside und Rafael Rosenfeld haben Mozarts Streichquintett in C-Dur KV 515 an den Schluss gesetzt. Gemeinhin wird dieses und das benachbarte g-Moll-Quintett als Gipfel des kammermusikalischen Schaffens Mozarts angesehen. Die beiden Programmgestalter verbinden sehr persönliche Erinnerungen mit diesem Werk. Was sie besonders fasziniert, ist wohl ein zauberhaftes Duett zwischen erster Violine und erster Bratsche im Andante-Satz. Es ist musikalische Rhetorik. Man kann sich gut vorstellen, dass es in diesem Gespräch um das geht, was nicht beschwiegen werden darf, um die Liebe, um zwei Herzen, die sich in der Musik einander näher kommen.

Elmar Weingarten

Kontakt

Zwischentöne - Kammermusikfestival Engelberg
im Kursaal Engelberg
Bahnhofstr. 16
CH-6390 Engelberg

Telefon: +41 (0)41 639 58 58
E-Mail: zimmermann@zwischentoene.com

 

Festivalpässe und Einzelkarten:
zwischentoene.kulturticket.ch

Anreise
Bahn: 43 Min. ab Luzern. Letzte Verbindungen ab Engelberg 21.02/22.02/22.30/23.30 Uhr.
Der Kursaal ist in 2 Minuten vom Bahnhof zu erreichen.
Auto: Anfahrt über Stans. Parkplätze beim Kursaal.
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«Affairs of the heart» lautet, mehrdeutig und anspruchsvoll wie stets, der Titel des Programms des diesjährigen Engelberger Kammermusikfestivals. Damit sind unweigerlich drei Themen aufgerufen: Herz, Liebe und Musik. Diese Begriffe sind eng miteinander verwoben, so unser aller spontanes Empfinden. Doch jenen, die über die Programmgestaltung nachgedacht haben, liegt es an den Zwischentönen. Diesen soll nachgespürt werden. Lust und Freude am unerwarteten Zusammenspiel von Vertrautem und Un-gehörtem wollen die Musikerinnen und Musiker sich selbst und dem Publikum verschaffen. In Herzens- und Liebesdingen haben wir alle unser Bündel an Erfahrungen. Hier kennen wir uns aus und es wird spannend sein zu erfahren, was die Musik, die ausdrucksmächtigste aller Künste, dazu zu sagen, besser, dazu zu singen und zu spielen hat und eben auch wie feinsinnig und zwischentonreich sie das anstellt.

Victor Hugo, ein Mann des bedeutsamen Wortes, hat es mit einem trefflichen Diktum auf den Punkt gebracht: «Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.» Für Liebesleid und Liebesfreud ist die Musik in besonderer Weise zuständig. Beides kann sie wunderbar besingen. Was das Herz, die Liebe und die Musik zu einem klingenden Netzwerk miteinander verflechten kann, darf eben nicht beschwiegen werden. Es kann durch Musik zur klingenden Sprache gebracht und somit verstanden werden.

Die Programme offenbaren die ganze Vielfalt der Beziehungen zwischen Herz, Liebe und Musik. Im ersten Programm ist vom «fühlenden Herz», im zweiten von der «Sehnsucht» die Rede. Sehnsucht nach der grossen, wahren Liebe hat Ludwig van Beethoven zeitlebens erfüllt. In Liebesdingen konnte er als Mensch aber erst recht als Komponist aufblühen. Man denke nur an seinen Fidelio, die Verherrlichung der Gattenliebe, die in strahlendem C-Dur endet. Schwärmerisch, oft unglücklich waren seine Beziehungen zu den Geliebten. Diese waren «unsterblich» und mitunter fern und unerreichbar. Dank Mozart hat er sich auch mit «Männern welche Liebe fühlen» beschäftigt. Diese Cello-Variationen klingen allerdings eher wie witzig-ironische Kommentare zu männlichen Liebes-gedanken und Liebesgefühlen.

Wir begegnen in einem weiteren Konzert zwei nur selten zu hörenden Stücken bedeutender Franzosen. Francis Poulenc hat in grosser ernster Schlichtheit, ohne jegliches falsches Pathos, Gedichte von Apollinaire vertont in denen ein armes, gebrochenes Herz die Schluchzer zu verstecken versucht.

Ein Duo für Violine und Klavier von Olivier Messiaen wird erklingen, in dem der Komponist mit inniger Leidenschaft die Liebe zu seiner ersten Frau, der Geigerin Claire Delbos besingt. Messiaen ist der Tonschöpfer, dessen Werk ohne seine beiden Lebensgefährtinnen nicht denkbar ist. Seine zweite Frau, Yvonne Loriod, hat mit ihrer Liebe zu ihm später jedes seiner Stücke, die oft von der Liebe handeln, inspiriert.

In der Geschichte der Musik kennen wir viele Beispiele von künstlerisch ungemein fruchtbaren Liebesbeziehungen. Robert Schumann hat für Clara Wieck die schönsten Liebeserklärungen auf dem Klavier verfasst. Eine eheliche Verbindung ist Johannes Brahms nie gelungen. Aber die Liebe war auch für ihn immer eine Quelle der Inspiration. Wir werden seine zweite Violinsonate hören. Sie ist ein einziger Liebesgesang. Am Thuner See in der Schweiz entstanden, in Vorfreude auf die Ankunft der Sängerin Hermine Spies und angefüllt mit Zitaten aus Liedern, die er in diesen Sommerwochen auch komponiert hat. Diese „Liebes- und Liedersonate“, wie man sie genannt hat, erklingt in einer Brahms gewidmeten Matinee. In diesem Programm wird auch die Beziehung zum Ehepaar Schumann thematisiert, die wohl nicht unkompliziert war, aber äußerst fruchtbar für das künstlerische Schaffen der Drei.

Ein wirklich sinnreiches und bewegendes Programm-Juwel ist das Requiem für einen Geliebten von György Kurtág. Wenn es um Liebe und Musik geht, dürfen György und Márta Kurtág nicht fehlen. Vor kurzem ist diese wunderbare Beziehung durch den Tod von Márta an ihr Ende gekommen. Die beiden haben sich ein Leben lang gegenseitig beseelt. Márta Kurtág, die Pianistin, hat ihrem von Skrupeln belasteten Mann, dem jede nächste zu Papier gebrachte Note unendlich viel Kraft kostete, kongenial ein ganzes Leben lang beigestanden. Wirklich Grosses ist so im Laufe der Jahrzehnte entstanden. Diese kleinen Lieder zu zauberhaften Texten, die wir hören werden, sind höchst intensive, geradezu erschreckende Miniaturen über den Verlust eines geliebten Freundes. Sie enden mit den Sätzen «Es gibt nichts zu trauern. Es gibt nichts zu hoffen». Gross ist dieses, nur wenige Minuten dauernde Requiem nicht in seiner kompositorischen Gestalt, sondern in der Dichte des musikalischen Ausdrucks.

Niemand hat Liebesglück und Liebespein, Herzenssehnsucht und Herzensmalheur schöner besungen als Franz Schubert in seinen Liedern. Dass Ian Bostridge Die schöne Müllerin vortragen wird, ist ein grosses Glück. Das Wandern ist des Müllers Lust, heisst es in diesem Zyklus. In der Winterreise stellt der Dichter Wilhelm Müller und mit ihm Schubert schon im ersten Lied das Wesen der Liebe unmissverständlich klar: «Die Liebe liebt das Wandern / Gott hat sie so gemacht / Von einem zu dem andern / Feinliebchen, gute Nacht.» Dort wandert nicht der Müller durch schöne Landschaften auf der Suche nach Liebesglück, sondern die Liebe wandert, verwirrt die Herzen und lässt viel Traurigkeit zurück. Dass dies gottgewollt sein soll, stimmt nachdenklich.

Den englisch formulierten Titel unseres Kammermusikfestes kann man auch als «Herzensangelegenheiten» verstehen. Die beiden Programmverantwortlichen Mary Ellen Woodside und Rafael Rosenfeld haben Mozarts Streichquintett in C-Dur KV 515 an den Schluss gesetzt. Gemeinhin wird dieses und das benachbarte g-Moll-Quintett als Gipfel des kammermusikalischen Schaffens Mozarts angesehen. Die beiden Programmgestalter verbinden sehr persönliche Erinnerungen mit diesem Werk. Was sie besonders fasziniert, ist wohl ein zauberhaftes Duett zwischen erster Violine und erster Bratsche im Andante-Satz. Es ist musikalische Rhetorik. Man kann sich gut vorstellen, dass es in diesem Gespräch um das geht, was nicht beschwiegen werden darf, um die Liebe, um zwei Herzen, die sich in der Musik einander näher kommen.

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Bahn: 43 Min. ab Luzern. Letzte Verbindungen ab Engelberg 21.02/22.02/22.30/23.30 Uhr.
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